Rezension: Garp und wie er die Welt sah von John Irving

Written By: Buch-Magazin - Mrz• 08•12

Wer diesen Roman noch nicht gelesen hat, ist zu beneiden. Denn ihn erwartet eine Welt voller skurriler Ereignisse und liebenswert verschrobener Figuren in Neuengland und Wien. Garps Welt eben, in der alles passieren kann und meistens auch passiert.

Dies ist die Geschichte von T. S. Garp, 1944 unehelich geborener Sohn von Jenny Fields – einer Feministin und ihrer Zeit weit voraus. ›Garps Welt‹ ist voll von Wahnsinn, Komik und Kummer. Transsexuelle Football-Spieler, Bären auf Einrädern, Ringer, Schriftsteller, Männer, Frauen, Kinder und ein sehr großer Hund – bei Irving werden sie alle zu Menschen. Alle versuchen sie, das Beste aus ihrem Leben zu machen. ›Doch in der Welt, so wie Garp sie [sieht], sind wir alle unheilbare Fälle.‹

Autor
John Irving,
am 2.3.1942 in Exeter, New Hampshire, geboren, lebt heute im südlichen Vermont. Seine bisher zwölf Romane – insbesondere ›Garp und wie er die Welt sah‹, ›Das Hotel New Hampshire‹, ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹ und ›Owen Meany‹ – wurden Weltbestseller und in 35 Sprachen übersetzt, vier davon wurden verfilmt (neben ›Garp und wie er die Welt sah‹ auch ›Das Hotel New Hampshire‹, ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹ und ›Witwe für ein Jahr‹).

1992 wurde Irving in die National Wrestling Hall of Fame in Stillwater, Oklahoma, aufgenommen, 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für seinen von Lasse Hallström verfilmten Roman ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹. Zu John Irvings 70. Geburstag am 2.3.2012 produziert Florianfilm zusammen mit SWR/Arte die 90-minütige Kinodokumentation ›John Irving und wie er die Welt sieht‹.

Bestellen

Garp und wie er die Welt sah
Autor: John Irving
840 Seiten, gebunden
Diogenes
Euro 26,90 (D)
Euro 27,70 (A)
sFr 45,90 (UVP)
ISBN 978-3-257-06815-3

REZENSION
Eine Neuauflage des Klassikers von John Irving! Wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte jetzt unbedingt zugreifen.

John Irving schrieb den Roman bereits 1978 und erzählt darin die Geschichte des Schriftstellers T. S. Garp. Er wird als Sohn der Krankenschwester Jenny Fields geboren, die unbedingt ein Kind bekommen wollte (aber keinen Mann), und deshalb Sex mit einem schwerverletzten, halb bewusstlosen Soldaten initiiert. Garp wächst also Vaterlos auf.

Er erlebt seine Schulzeit in einer Privatschule, an der seine Mutter als Schulschwester arbeitet. Da entdeckt er seine Liebe zur Literatur und entscheidet früh, Schriftsteller zu werden. Nach seinem Schulabschluss zieht er nach Wien, natürlich mit Mama im Schlepptau. Während seiner Zeit dort entdeckt Garp seine Liebe für die Literatur. Und er schreibt eine wunderbar fantasievolle Kurzgeschichte. Leider setzt diese Kurzgeschichte ihn so unter Druck, wieder etwas genauso Tolles zu schreiben, dass er anfängt unter einer Schreibblockade zu leiden. Aber er heiratet, bekommt Kinder, das Leben geht weiter.

An sich ist es eine relativ banale Geschichte. Aber man muss den Roman in seinem historischen Kontext sehen. Als er erschien, war es nicht so selbstverständlich wie für uns heute, offen über Feministen, Sex, Vergewaltigungen und Transvestiten zu schreiben. In diesem Roman gibt es aber all das… Sex ist ein wichtiges Thema, angefangen von der etwas untypischen Zeugung von Garp bis hin zu seinem wilden Eheleben mit seiner Frau Helen – beide gehen oft fremd und leiden auch darunter, bis sich ihr Leben dann doch dramatisch verändert.

Auch gibt es im Roman eine Transvestitin namens Roberta, die ein ehemaliger Football-Star (der Männersport überhaupt in den USA) ist und von den Männern als Verräterin gehasst wird. Der Leser erfährt auch von den Ellen-Jamesianerinnen, die sich aus Protest über die Vergewaltigung und Verstümmelung eines 11-jährigen Mädchens selbst die Zunge abschneiden lassen. Und noch viele weitere skurrile Charaktere werden kennengelernt. Diese skurrilen Charaktere werden in diesem Roman aber zu Menschen, die man einfach ins Herz schließen muss.

Der Feminismus wird als neue Religion hoch gelobt und Frauen als bessere Menschen, das Weibliche als edleres Geschlecht gezeigt, währen die Männer etwas gewalttätig und verkommen dargestellt werden. Das sollte man nicht zu ernst nehmen, sondern als Zeichen der Zeit sehen. Und überhaupt, der Roman hat Skurrilitäten perfektioniert, mit Realismus gemischt, und wer beim Lesen hin und wieder an Forrest Gump denken muss, liegt damit nicht ganz falsch. Denn genau wie bei ihm werden auch hier oft sehr traurige Szenen mit sehr skurrilem Humor geschrieben und irgendwie macht das diesen Roman zu einem Vorreiter von Büchern wie „Forrest Gump“.

Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig und nicht immer leicht zu lesen, besonders die langen Ausschweifungen machen das Lesen zur Geduldsprobe. Aber die Darstellung der Protagonisten, die man Jahrelang begleitet, lassen uns auch in den haarsträubendsten Momenten mitzufühlen.   (Sandra Kielmann)

 

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Comment

  1. Bernhard de Reese sagt:

    Ich habe, weil ich glaubte, derzeit etwas versäumt zu haben, mir den Irving-Roman „“Garp … „, der in USA ca 4 Millionen mal verkauft sein soll, gekauft und mit zunehmendem Verwundern bis jetzt bis zur Hälfte durchgelesen und frage mich, ob ein Weiterlesen nicht große Zeitverschwendung ist. Schon J, Franzens ‚Korrekturen‘ schien mir literarisch ziemlich überbewertet, verglichen mit diesem Irving-Roman war der aber drei Qualitätsstufen besser.
    Ich habe jetzt die Kielmann-Rezension vom März 2012 gelesen und finde mich darin bestätigt, dass man über Geschmack tatsächlich nicht streiten sollte. Wenn ein guter Roman irgendwie immer noch Mimesis sein und Typologisches ausdrücken sollte, wenn er Zeitwahrheiten und Allgemeinwahrheiten thematisieren sollte, dann ist dieser Irving-Roman literarischer Schrott, inhaltlich und stilistisch. MIch wundert Reich-Ranickis Aussage überhaupt nicht mehr: Mit Thomas Mann hätte er während seiner Dozententätigkeit den Amerikanern überhaupt nicht kommen dürfen.

    Bernhard de Reese

Schreibe einen Kommentar